Mediale Transformation von Musikwissen
Drittmittelprojekt
Ziel und Inhalt
Im Lehrforschungsprojekt METRONOM entwickeln wir medien- und technikbezogene Lerninhalte für musikwissenschaftliche Studiengänge. Es werden hybride Lernwege zur Erlangung von Wissen und Fertigkeiten im Bereich der Musikproduktionsforschung und der ›Musicology of Record Production‹ für die Erforschung experimenteller und populärer Musik erprobt und modular bereitgestellt.
Die Inhalte werden online auf einer Webseite öffentlich zugänglich angeboten. Dies beinhaltet eine Lernplattform für technische Gehörbildung und Dokumentationen und Anleitungen zu Forschungsmethoden mittels ›Reenactment‹. Neben Bild-, Video- und Musikbeispielen zur Umsetzung unserer praktischen Übungen enthält die Webseite auch Tutorials, Materiallisten und Vorschläge zur Einbindung in bestehende Lehrkonzepte. Die Veröffentlichung der BETA-Version der Webseite ist für November 2025 vorgesehen.
Unsere zwei komplementär konzipierten Lernformen sind (1) die ergänzend zur konventionellen Gehörbildung gedachte technische Gehörbildung und (2) die Verwendung (historischer) Reenactments, um Studierende durch den kreativen Umgang mit dem Einfluss von Technologie auf Musik anschaulich vertraut zu machen. Begleitend zu diesen zwei Schwerpunkten bieten wir Workshops z.B. zur Praxis des DJing und zum Phänomen ›Feedback‹ sowie Exkursionen an, z. B. zur Synthesizer-Messe Superbooth, in denen gewonnenes Wissen in praktischen Anwendungen ›im Feld‹ vertieft wird. Zusätzlich wurde im Rahmen von METRONOM zur Unterstützung der Projektaktivitäten das Akustiklabor bzw. Musikstudio der Abteilung Musikwissenschaft ausgebaut.
Die verwendete Ansatz einer technischen Gehörbildung wurde im Rahmen der Ausbildung von Toningenieur*innen entwickelt und dient der Schulung des Ohres zur genaueren Erkennung klanglicher Charakteristika musikalischer Gestaltung (Frequenzgehalt, Hüllkurve, Modulation, Signal-Rausch-Abstand). Das reicht vom Training auditiver Erinnerung (z. B. bestimmte Frequenzbereiche zuordnen) über die Schärfung der Differenzierungsfähigkeit bis hin zum gezielten Heraushören spezifischer Klangquellen in einem Gesamtklangbild (auditorische Szenenanalyse). Für die Anwendung in der musikwissenschaftlichen Lehre haben wir die gängigen Lehrinhalte bestehender Kurse aus dem Bereich der Tonmeister*innenausbildung kondensiert und neue, explizit auf musikalische Aspekte konzentrierte Elemente hinzugefügt. Dazu gehören z. B. orchestrale Timbres, elektroakustische Effekte und ›ikonische Sounds‹ aus dem Bereich des Synthesizers oder der E-Gitarre. Präsenzübungen umfassen neben dem reinen Erkennen auch die Umsetzung sensorischer Fähigkeiten an Musiktechnologien wie dem Equalizer oder dem Synthesizer. Hier besteht auch die Verbindung zu den Reenactments, bei denen sowohl das Gehör wie auch die Umsetzung an dabei einzusetzenden Geräten zentral ist. Ergänzend zu den praktischen und systematischen Übungen fördern wir durch Gruppendiskussionen und unter Zuhilfenahme etablierter Schemata wie dem Sound Wheel die sprachliche Annäherung an die Beschreibung von Klang.
Bei der Konzeption der Reenactments beziehen wir uns auf die in jüngerer Zeit entwickelten Ansätze in der Medien- und Musikwissenschaft sowie der Studiopädagogik. Vor allem bestehende Verfahren der experimentellen Medienarchäologie und Ansätze aus dem Bereich der Popularmusikwissenschaft standen Pate bei der Entwicklung unserer auf die Lehre zugeschnittenen Verfahren. Ziel medienarchäologischer Reenactments ist ein differenziertes anwendungspraktische Erfassen der Affordanzen und Spezifika verschwundener Medientechnologien. Um Reenactments realisierbar in bestehende Lehre einzubinden, haben wir zwei verschiedene Formen der Nachstellung konzipiert. Das Werk-Reenactment folgt dem Ursprungskonzept: Ein bestehendes Werk (aus experimenteller Klangkunst bzw. elektroakustischer Musik) dient als Referenz und soll im Rahmen der Möglichkeiten durch die Studierenden in Bezug auf nötige Materialien und Prozesse recherchiert und dann aufgeführt werden. Mit Prozess-Reenactments versuchen wir, einzelne Vorgänge aus dem Musikstudio als kompakte Einheiten zu konzipieren. Beispielhaft wäre hier die Arbeit mit dem Tonband zu nennen, also z. B. die Erstellung eines Tonband- oder Slapback-Echos, wie es in den Sun Studios prominent zum Einsatz kam, in denen die ersten Aufnahmen von Elvis Presley entstanden. Die musikalische Praxis bzw. die Orientierung an historischen Vorbildern bleibt hier nicht außen vor, allerdings wird hier den Studierenden frei gestellt, selber musikalisch kreativ zu werden; im Vordergrund steht der Prozess – also hier die Verschaltung von Tonband, Mikrophon und anderen Komponenten – zur Erzeugung eines regelbaren Echoeffektes.
Hintergrund
Hintergrund unseres Projektes ist die Lücke zwischen der gestiegenen Bedeutung klangsensibler Musik- und Medienforschung und der musikpraktischen bzw. sensorisch-körperlichen Anteile des musikwissenschaftlichen Studiums. Zunächst stieg in den letzten Jahren die Signifikanz jener Musikforschung, welche die klangliche Dimension musikalischer Phänomene sowie ihre Produktion und technische Vermittlung in den Vordergrund stellte. Vor allem Sound Studies, Medienwissenschaft und Science & Technology-Studies haben sich durch ihre Arbeiten ab den 2000er-Jahren in diese Fragen eingebracht. Themen wie die Geschichte der Aufnahmetechnik, der Einfluss technischer Mittler auf die ästhetische Gestaltung von Musik oder Veränderungen von Kreativität und Musikverständnis im Tonstudio sind so in den Fokus der Musikforschung gerückt. Mittlerweile haben sich daraus Teildisziplinen wie die Musicology of Record Production gebildet, deren Themen und Ansätze auch bei uns im Bereich ›Musik und Medien‹ an der MLU Halle-Wittenberg Eingang in den Lehrplan gefunden haben, nicht zuletzt im Zuge einer grundsätzlichen Überarbeitung der BA- und MA-Studiengänge im Jahr 2023.
Viele dieser Themen verlangen die Aneignung von Wissen, das lange nicht als selbstverständlich in der Musikwissenschaft galt: Wie funktioniert ein Synthesizer technisch? Welche Schritte werden bei einer Tonaufnahme durchlaufen? Wie lassen sich Feedbackschleifen musikalisch nutzen? Welchen spieltechnischen Limitationen sind Sampler und Sequenzer unterworfen? Dieses Wissen ist darüber hinaus nicht nur zentral für das Verständnis der vorgestellten neuen Forschungsansätze, sondern auch Bestandteil aktueller musikalischer Praktiken im Bereich des Sound Designs und der Musikproduktion. Während die musikalische Gehörbildung und zu Teilen auch die instrumentale Musikpraxis nachvollziehbar als wichtiger und den theoretischen Anteilen dienlicher Teil der musikwissenschaftlichen Ausbildung verstanden werden, bleiben die oben genannten Wissensformen bis jetzt jedoch weitestgehend außen vor. Unser Anliegen ist es, realisierbare Ergänzungen anzubieten, die sowohl den neuen Themen der Disziplin wie auch einem erweiterten Verständnis ›musikalischer Expertise‹ gerecht werden.
Umsetzung
Das Lehrforschungsprojekt METRONOM – Mediale Transformation von Musikwissen – startete im April 2024 im Rahmen der Förderrichtlinie FREIRAUM der Stiftung Innovation in der Hochschullehre (STiL) und ist auf zwei Jahre angelegt. Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Föllmer, die Projektkoordination liegt bei M. A. Alan van Keeken. Anfragen zu Rechnungen und das Sekretariat wird von Lea Herden betreut. Bei der Produktion von Musikbeispielen, der Organisation und der Recherche helfen unsere drei studentischen Hilfskräfte Lea Hammermeister, Emilia Jung und Jakob Cuntz.
Drittmittelgeber
Kontakt
Projektleitung: Prof. Dr. Golo Föllmer golo.foellmer[at]musikwiss.uni-halle.de
Projektkoordination: Alan van Keeken alan.van-keeken[at]musikwiss.uni-halle.de
Sekretariat: Lea Herden lea.herden[at]musik.uni-halle.de